Laudatio
von Mag.
Silvia Schweighofer
Auf
116 Inseln breitet sich in der Laguna Veneta eine der
schönsten Städte der Welt aus – Venedig. Das ist
unbestritten ein Inbegriff urbaner Harmonie, ein Denkmal
künstlerischer Genialität. Seinen gleichsam überirdischen
Reiz verdankt Venedig dem Wasser, den vielen Kanälen,
in denen sich alle Pracht der Stadt wiederspiegelt.
Hier
lernte Karl Mayerhofer im Sommer 2007 bei seiner
Vernissage in der Galeria San Vidal am Campo San
Zacharria den Künstler Mario Bragato kennen.
MARIO
BRAGATO
Mario
Bragato wurde 1940 in Venedig – in der Stadt wo die
Schönheit Regie führt, geboren und verbrachte hier
seine Jugend. Er hat am „Istituto d’Arte“ von
Venedig Malerei studiert, und unter seinen vielfältigen
künstlerischen Aktivitäten dominieren vor allem das Bühnendesign
und die Malerei. Grundlegend für die Tätigkeit als
Theatermaler, die Mario Bragato am „Gran Teatro la
Fenice“ ausgeübt hat, sind die Erfahrungen, die er im
„Laboratorio di scenografia Parravicini“ im Rom hat
sammeln können. Seine zahlreichen Arbeiten als Bühnenbildner
für europäische und lateinamerikanische
Theaterkompanien – hier wäre unter anderem das
„Theater für Kinder“ in Hamburg zu erwähnen –
vervollständigen das Berufspanorama.
Der
Bogen der Ausstellungen spannt sich von der
48`Bevilacqua la Masa 1960 bis zur heutigen – hier in
der Galerie M. in Kirchstetten, und schließt zahlreiche
persönliche als auch kollektive Ausstellungen in
Italien und Europa ein. Mario Bragato ist Mitglied der
„l’Associazione Culturale Europea di Venezia“
sowie der Gruppe „Barique“.
Zur
Zeit lebt Mario Bragato auf der Insel Sant´Erasmo, die
auch „Garten Venedigs“ genannt wird, in der Lagune
von Venedig. Eine Insel mit ca. 500 Einwohnern, an deren
Nordspitze (Punta Vela) sich noch Reste von ehemaligen
Befestigungs- und Verteidigungsanlagen aus der k.u.k.
Zeit der Habsburger finden. Hier befinden sich einige
verstreut liegende Häuser, die von Künstlern bewohnt
werden. Eines davon gehört Mario Bagato, wo ihn Karl
Mayerhofer in seinem Atelier besuchte und
beeindruckt war von der ruhigen, grünen Insel in der
venezianischen Lagune, wo
noch immer die Gezeiten und
das stete Wechselspiel marino – lagunare den Rhythmus
des Insellebens bestimmen. Beide Elemente treffen vor
Sant'Erasmo aufeinander, und das helle Blau der Adria
vermischt sich mit dem von Sümpfen durchzogenen Grün
der Lagune zu changierenden Zwischenfarben.
Überblickt
man die Kunst unserer Zeit, dann bemerkt man bald, dass
ihr offensichtlich das einigende „geistige Band“
fehlt, das frühere Kunstepochen vergleichsweise
auszeichnet. Vieles hat heute nebeneinander Platz, viele
konträre Ideen und Konzepte, die unterschiedlichsten
Gestaltungsweisen, Stile und Stillosigkeiten. Kunst
bewegt sich heute zwischen Extremen: Zwischen strenger
Ordnung und Chaos, zwischen radikaler Vereinfachung und
hochgradiger Strukturiertheit, zwischen Perfektion und
Brüchigkeit, zwischen hypergenau abgebildeter Gegenständlichkeit
und völliger Gegenstandslosigkeit, zwischen Erhabenheit
und Banalität.
Beim
Aquarell als Königsdisziplin der Malerei stehen sowohl
die technischen als auch die bildgestalterischen
Elemente im Vordergrund. Wesentlich ist es, dem Bild
sein Entstehen zu ermöglichen.
Aquarellieren
ist sinnlich im buchstäblichen Sinn – man erlebt die
Vielfarbigkeit von Licht und Schatten und spürt der
Antwort der Flächen, Kuben und der flüchtigen Dinge
nach.
Mario
Bragato versucht die Realität in seinen Bildern zu
abstrahieren und die eigenen Gedanken und Gefühle
einfließen zu lassen.
Den
Raum im Bild erleben zu können, ob er sein Motiv
verfremdet, abstrahiert oder nahe an der Wirklichkeit
bleibt, das Motiv verlangt immer erst ein genaues
Hinsehen.
Die
Gratwanderung zwischen frei fließender Farbe und
bewusster Steuerung der Bildgestaltung ist auch eine
Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich – was will und
was kann ich zulassen, wo will und muss ich Granzen
setzen. In der Beschränkung auf die Darstellung des
Wesentlichen und dem Eliminieren alles Nebensächlichen
fällt dabei dem Weiß als „beredetem Schweigen“
eine wichtige Rolle im Bild zu. Aus dem Abbilden wird
bildnerisches Gestalten.
Die
Grenzen zwischen Figuration und Abstraktion sind fließende,
übergängige Malprozesse. Die Vielfältigkeit von
Spontaneïtät,
Harmonie und gezielt eingesetzter Formen gilt es ebenso
zu gestalten, wie die Grenzen auszuloten zwischen Chaos
und konstruierter Bildgestaltung. Aus anfänglichen Zufällen
und einer kalkulierten eigenen Bildauffassung ergibt
sich im Laufe der Zeit ein persönliches Ordnungsprinzip
in der Malerei sowie Raum für experimentelle
Individualität. Nicht die exakte, reale Wiedergabe
eines Gegenstandes steht im Vorderrund, sondern der
eigene individuelle Weg.
Mario
Bragato arbeitet mit Mischtechniken, wobei er mit
Risikobereitschaft und Experimentierfreude an das Bild
heran geht. Nichts steht von vornherein fest, das Bild
wird in der Auseinandersetzung mit der Leinwand und der
Farbe zum Abenteuer und Wagnis. Er arbeitet prozesshaft,
geprägt von Emotionen, Intuition, Spontanïtät,
und versucht so Stimmungen, innere Visionen,
Empfindungen oder die pure Energie auf der Leinwand
auszuleben.
Der
Betrachter wird gezwungen eine zweite Wirklichkeit
wahrzunehmen.
Eine
Linie in kräftigem Rot durchwandert zarte Farbflächen,
läuft hinaus und wieder hinein, um sich aufzulösen in
einer weißen, wolkigen Fläche.
Das
Wenige kann alles sein.
Die
Anatomie des Menschen fasziniert schon seit
Jahrhunderten Wissenschaftler wie Künstler. Das
Aktzeichnen ist eine sehr spannende Form, sich dem Thema
zu nähern, vom gegenständlichen Erfassen bis zur
totalen Verfremdung der menschlichen Abbildung.
Reduktion
auf die eigene Körpersprache spiegelt sich in den
Bildern des Künstlers wieder.
Es
steht nicht das reine Abbilden im Vordergrund, sondern
ein Studium des menschlichen Körpers ist gefordert, um
ein eigensinniges, tektonisches Vokabular zu erarbeiten
– das „rechte Setzen der Volumina“, um die
treibende Kraft zu konkretisieren. Es geht in den
Bildern um das intuitive zeichnerische und malerische
Erfassen von Körperbewegungen. Dabei beschäftigt sich
Bragato mit wirkungsvollen Farbkontrasten genauso wie
mit verschiedenen Techniken der Pinselführung, die dem
Bild einen lebendigen Ausdruck geben.
Der
Schlüssel für räumliches Denken und dessen Umsetzung
in der Zeichnung liegt in der Schulung des Auges und der
Beobachtungsgabe.
Wer
sehen kann, kann auch Unsichtbares fühlen – künstlerische
Expression in der Malerei ist der Dialog von Laut und
Leise ... wenn Mario zu arbeiten beginnt, ist nicht der
Strich oder die Fläche die Faszination, sondern die
sich ständig in- und zueinander verändernde Beziehung.
Übermalen, hervorheben, reduzieren, spielerisch mit
Material und Werkzeug umzugehen, dabei emotionale
Empfindungen in den Arbeitsprozess einzubinden, um eine
individuelle Ausdrucksform künstlerisch darzustellen,
dass sind die Arbeitstechniken von Mario Bragato.
Malerei
als Möglichkeit mit Farbe und Formen zu spielen –
zwischen Kalkül und Intuition zu experimentieren und
deren Vielfältigkeit auszuprobieren. Spontaneïtät
und Zufall als Kontrapunkt der Harmonie und Klarheit. Über
eine intensive Bildbetrachtung, Reduzierung und das
Einsetzen von Ordnungselementen zum individuellen
Bildinhalt und zur eigenen Bildaussage zu finden, ist
die Herausforderung an den Betrachter seiner Bilder. So
gestaltet sich das anfängliche Chaos zur klaren Form.
Mag.
Silvia Schweighofer
Kirchstetten Galerie M., 1.3.2008